Hinrichtung eines Mörders und Lebensretters geplant

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Travis Runnels

Am 11. Dezember 2019 beabsichtigt der US-Bundesstaat Texas den wegen Mordes zum Tode verurteilten Travis Runnels hinzurichten. Seitdem dies seine Brieffreundin Nicole Schwaberow erfahren hat, durchlebt sie die schreckliche seelische Folter, die ein solches Urteil für Angehörige und Freunde der Verurteilten bedeutet. Wir danken Nicole Schwaberow für ihren Mut sich hier mit ihrem Gastbeitrag zu Wort zu melden und damit ein deutliches Zeichen gegen diese martialische und sinnlose Strafe zu setzen. Wir bitten unsere Leser sich gegen die bevorstehende Hinrichtung einzusetzen und von den am Ende dieses Beitrags angefügten Appelladressen regen Gebrauch zu machen.


Im Folgenden der Gastbeitrag von Nicole Schwaberow:

Travis wuchs in keinen guten Familienverhältnissen auf. Die Eltern konsumierten Alkohol und Drogen. Schläge standen auf der Tagesordnung. Oft flüchtete Travis zu seinen Großeltern. Als die Eltern sich scheiden ließen wurde die Situation auch nicht besser. Mit der Zeit machten sich bei Travis Verhaltensstörungen bemerkbar. Er bekam aber keine Hilfe von der Familie oder Ärzten. Er fing an auf der Straße abzuhängen und das Schicksal nahm seinen Lauf. Autodiebstahl, Einbruch, Drogen und der Reiz am schnellen Geld.

Es folgten die ersten Strafen und Gefängnis. Danach schickte man Travis zu seinem Onkel nach Japan. Vielleicht würde er sich ändern. Aber das Leben gefiel ihm dort überhaupt nicht. Nach drei Monaten kam er zurück nach Amerika und das alte Leben ging weiter.

Diesmal war es Raub. Der Richter verurteilte Travis zu 70 Jahren Gefängnis. Das war der Ausschlaggebende Punkt. Travis war nie gewalttätig doch jetzt änderte sich alles. Selbstmordversuch, Schlägereien mit Mitgefangenen und sobald ein Wärter seine Zelle betrat wurde er mit Urin, Büchern, Kaffeebechern und allem greifbaren beworfen. Eine tickende Bombe.

Nach Küche und Friseur landete Travis in der Schuhfabrik. Stanley Wiley war einer der prison worker (ein Angestellter des Gefängnis, Anm.d.Red.) und hatte am Schicksalstag Dienst. Travis lieh sich von einem Mitgefangenen sein Arbeitsmesser und schnitt Stanley Wiley die Kehle durch. Niemand begriff was geschehen war und Mr. Wiley verstarb später im Krankenhaus. Ein schreckliches Verbrechen das ich nicht gut heiße. Ein Unschuldiger musste mit seinem Leben bezahlen.

2005 wurde Travis für diesen Mord zum Tode durch die Giftspritze verurteilt. Seitdem sitzt er im texanischen Todestrakt.

Zwei Jahre später kam ich ins Spiel. Zu diesem Zeitpunkt ging es mir sehr schlecht. Ich hatte schwere Depression und war Suizidgefährdet. Bei meiner Therapie in einer psychiatrischen Klinik lernte ich einen Pater kennen. Wir sprachen viel über das Leben und den Tod. Warum möchte ich mein Leben wegwerfen und andere kämpfen um weiterleben zu dürfen. Wie wäre es eine Brieffreundschaft mit einen Todeskandidaten einzugehen?

Ich hatte null Vorstellung was ich denn schreiben sollte. Ich tippte blind auf eine Liste und landete auf Travis Runnels.

Also das alte Schulenglisch abgestaubt, die Feder gespitzt und los ging es. Ich habe überhaupt nicht mit einer Antwort gerechnet. Doch drei Wochen später kam der erste Brief aus Texas. Daraus entstand ein Briefwechsel, dann eine Brieffreundschaft und heute gehört Travis zur Familie.

Am Anfang habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass irgendwann ein Hinrichtungstermin kommen könnte. Alles war weit weg und unwirklich. Für mich war es unvorstellbar, dass Amerika meinen Freund hinrichtet. So vergingen die Jahre und Travis verlor einige Appeals. So langsam stellte ich mir die Frage, was kommt als nächstes.

Ich bekam Anfang des Jahres einen Brief von seinem Anwalt. Mir war hundeelend. Jetzt hatte ich es schriftlich. Wir nähern uns dem Ende. Ich wurde gebeten einen Brief für die Jury zu schreiben, um für ein Gnadengesuch vorbereitet zu sein. Ich habe am Schreibtisch gesessen und nur noch geheult. Ich fühlte mich so hilflos und wusste nicht was ich machen soll. Was kann ich denn auch machen? Ich kann für Ihn kämpfen. Damals hat er mir mein Leben zurückgegeben und jetzt werde ich für sein Leben kämpfen.

Ich bin keine dumme Weltverbesserin die auf schöne Worte eines Mörders hereinfällt. Mord ist das grausamste Verbrechen und muss hart bestraft werden. Aber ich denke in einem Gefängnis zu sitzen, ohne Kontakt zu anderen Menschen, ohne Arbeit und nur mit einem Radio zur Unterhaltung, ist eine schreckliche Strafe. Niemand von uns kann sich vorstellen unter solchen Bedingungen zu leben. Wir würden es nicht einmal LEBEN nennen. Es ist ein dahinvegetieren. Und jeder Tag ein Kampf nicht verrückt zu werden. Ist das nicht Strafe genug? Warum muss am Ende die Hinrichtung stehen? Wem ist damit geholfen? Niemanden. Im Gegenteil es entsteht nur noch mehr Leid.

Jeden Tag hoffe ich auf eine gute Nachricht. Jeden Tag renne ich durch die Wohnung und überlege was ich noch machen könnte um zu helfen. Jeden Tag rückt der 11. Dezember näher. Jeden Tag ein Brief nach Texas um Travis abzulenken und etwas Freude zu bringen. Jeden Tag unendliche Diskussionen mit Gott. Und ich bin nur eine Freundin. Was machen jetzt die Angehörigen durch? Was denken jetzt die Angehörigen des Opfers? Werden sie sich nach der Hinrichtung besser fühlen? So viele Fragen und am Ende werden wir alle Verlierer sein. Ein weiterer Mensch musste sterben. Das Opfer wird dadurch nicht zurückgebracht.

Für mich macht die Todesstrafe keinen Sinn. Sie ist, unmenschlich, willkürlich und entwürdigend. Sie dient allein dazu Rachegefühle zu befriedigen. Es ist leicht gesagt : „Den sollte man aufhängen“. Aber vorher sollte man sich die Mühe machen alle Faktoren mit einzubeziehen. In einer stillen Minute mal nachdenken, was die Todesstrafe wirklich bringt. Und einmal auf sein Herz hören, ob man nicht vergeben kann. Es würde mich freuen wenn ich einige mit meinen Worten zum Nachdenken anregen konnte. Ich danke Peter und dem IHfL Team daß ich Travis Geschichte erzählen durfte.

Nicole Schwaberow


Travis war eigentlich nie gewalttätig. Er war ein jugendlicher Räuber, der sich mit seinen Raubzügen das nötige Geld für seinen Lebensstil besorgte. Eines Tages jedoch ging seine Glückssträhne zu ende und er wurde zu 70 Jahren Gefängnis verurteilt für einen Einbruch. Travis war entsetzt und verstand nicht, wie ihm geschah… Er sollte für den Rest seines Lebens hinter Gittern bleiben – für einen Einbruch!… Als, nach seiner Aussage, ihn nach vielen Jahren ein Wärter schikanierte, brach alles aus ihm heraus und er ermordete den „Vertreter des Systems, das ihm das angetan hatte“… Eine schreckliche Tat. Aber die Frage nach der Schuld ist nicht immer so einfach, wie es sich viele machen. Anstatt einen Jungen quasi lebendig im Gefängnis zu begraben, hätte das Gericht ihm eine Chance geben müssen… Eine Chance sich zu entwickeln und seine Fehler zu erkennen. Stattdessen wurde er missbraucht als abschreckendes Beispiel für andere, mittels eines Urteils, das in keinem Verhältnis zu seiner Tat, dem Einbruch, stand… Um ihm die alleinige Schuld für seine Entwicklung zu geben, muss man quasi „blind“ sein. Travis selbst scheint durch den Mord an dem Wärter aufgewacht zu sein.

Auf Amazon.com sind zwei Bücher verfügbar, die Travis geschrieben hat:
Guidance On Navigating The Path To Love
How to survive in prison: A guide for prisoners, their families and supporters

Travis leidet sehr unter seinen Schuldgefühlen.
Wir meinen, auch er hat eine zweite Chance verdient…

IHfL
Peter K.

Über www.lancelot-armstrong.de

Nachrichtenblog der Initiative 'Hilfe für Lancelot (IHfL) www.lancelot-armstrong.de
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