Tanz auf dem Vulkan – Ein Stimmungsbericht

14. März 2018 – kurz vor Mitternacht

Noch ein Tag und 27 Minuten, dann sollen wieder Menschen sterben. Diesmal in Alabama und Georgia. Es scheint ja so einfach. Sie setzen ein Datum, in diesem Fall also der 15.03.2018 und an diesem Tag schießen sie ihnen das Gift in die Adern…
und_erloese_uns_von_dem_boesenSeit Jahren beobachte ich dieses schreckliche Treiben – schreibe Artikel darüber, in der Hoffnung, irgendetwas zu bewirken…

Manchmal kommt es mir so vor, dass ich dabei abstumpfe. Menschenleben quasi wie Blätter in Aktenordner abhefte. Es geht nicht – es ist kaum möglich – dieses ganze Leid immer und immer wieder an sich heranzulassen. So schaue ich oft, wie einem automatischen Impuls folgend, ob sich was getan hat oder ob die Todeskandidaten noch immer um ihr Leben fürchten.

Man stelle sich das vor, noch stehe ich in der Küche und bereite einen Salat, dann der Gedanke, „schau doch mal nach“ und schon sitze ich vor dem PC und gehe auf entsprechende Webseiten, um am Ende festzustellen: „sie werden es wieder tun – Morden im Namen ihres verbrecherischen Gesetzes…“

Manchmal geschieht es auch, dass in der Hektik des Tages, ich das Geschehen um den Gefangenen aus den Augen verliere und tief erschüttert feststelle – „Vorgestern haben sie ihn hingerichtet“ – Ein unbeschreibliches Gefühl überkommt mich dann. Wie konnte ich nur!… Diese Ohnmacht vor der eigenen Ohnmacht!

Doch das Leben fordert auch nach dem Tod der anderen seinen Tribut. Alles lebt um mich herum – ob es der Baum vor dem Haus ist, die Taube auf dem Dach oder der Nachbar der nach einer Zwiebel fragt… Da fühlst du dich schuldig, weil du noch lebst, lachst und deine Lieblingsserie schaust… Da fühle ich, wie weit weg ich von den armen Menschen bin, die ermordet werden und gleichzeitig wie nahe dran…

Soll ich zur Gitarre greifen, vielleicht ein neues Lied schreiben, noch eines, dass kaum jemand interessiert? – Oder das Fenster aufreißen und schreien, alles herausschreien, womit ich wohl nur die Nachbarn verblüffen werde… – Wer schreit stört – stört die heilige Ruhe und ich denke: „außerdem sind eh schon alle verrückt!“ – Starren auf ihre Handys und anstatt von sich zu erzählen, zeigen sie das neueste Katzenvideo, dass sie auf Fratzbuch entdeckt haben.

Wir scheinen alle so weit entfernt von den Todeskandidaten – so weit entfernt von uns selbst, unserem Nächsten… Dabei sind wir alle Todeskandidaten… Müssen sterben, irgendwann… Wir wissen halt nur das Datum nicht…

Ich habe auf meinem letzten Konzert die Worte von Patrick Hannon vorgelesen. In einem großen Saal, voll mit Menschen. Patrick wurde im November hingerichtet. Danach hat eine einzige Person unsere Petition unterschrieben. Überhaupt kam fast niemand an unseren Infostand. Die Infomaterialen, die wir extra dafür gedruckt hatten, hat sich fast niemand abgeholt. Den vollständigen Text von Patrick wollte niemand haben, obwohl ich beim Auftritt erwähnte, dass er bei unserem Infostand zur Verfügung steht.

Vielleicht ist das der Grund, warum es diese Hinrichtungen immer weiter geben wird – Weil die Menschen viel zu sehr mit ihren Smartphones, ihrem Auto, der nächsten Party usw. beschäftigt sind.

Oft scheint es mir, wie ich es in meinem Song „Weißer Mann“ genannt habe, als wäre es ein „Tanz auf dem Vulkan“…

Peter K.

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