Hinrichtung! – Michael Lambrix: „…Das wird ein kaltblütiger Mord!“

US-Bundesstaat Florida vollstreckt Todesurteil

Lambrix schreibt über seine Gedanken und Gefühle vor seiner Exekution

todayzm6

Michael Lambrix

Michael Lambrix wurde 4 Stunden nach dem geplanten Termin (Donnerstag Abend / Ortszeit) durch den US-Bundesstaat Florida hingerichtet. Er musste die Folter des Todestraktes von Florida rund 34 Jahre lange erleben.  Lambrix wurde 1984 zum Tode verurteilt, weil er Aleisha Bryant und Clarence Moore ermordet haben sollte. Er hat immer seine Unschuld beteuert.

Michael Lambrix hat noch kurz vor seiner Hinrichtung mit der Presse sprechen können. Dort sagte er: „Das wird keine Hinrichtung. Das wird ein kaltblütiger Mord!“Er versuchte vor kurzem seine Hinrichtung durch einen Hungerstreik zu verhindern.

Offensichtlich ist Florida so mordlustig ist, dass ihm Gesetz und Recht vollkommen egal scheint. Nachdem das Hurst-Urteil verkündet wurde, hätten eigentlich alle Gefangenen im Todestrakt, deren Todesurteil aufgrund einer nicht einstimmigen Entscheidung der Jury, quasi im Alleingang, durch den Richter beschlossen wurde, neu verhandelt werden müssen. Auch das Todesurteil gegen Michael Lambrix wurde nicht Einstimmig von der Jury beschlossen! Vollkommen willkürlich hat Florida aber entschieden, dass alle Fälle die vor dem 24. Juni 2002 rechtskräftig wurden nicht neu verhandelt werden müssen, obwohl das Hurst-Urteil des US-Bundesgerichtes eben genau dies impliziert. Dadurch hat z.B. Lancelot Armstrong, der seit 1991 im Todestrakt von Florida gefoltert wird, tatsächlich demnächst ein neues Strafzumessungsverfahren und seine jetzige Todesstrafe ist erst einmal gekippt, da sein Verfahren vor dem 24. Juni 2002 noch nicht abgeschlossen war. (Lancelot Armstrong wird seit Jahren von der IHfL betreut). Das Todesurteil gegen Michael Lambrix ist nach der Hurst-Entscheidung klar Verfassungswidrig. Heute dürfte ein solches Urteil nicht mehr gesprochen werden!

Nichts konnte jedoch Florida daran hindern Lambrix dennoch zu ermorden. Recht und Gesetz spielen in diesem US-Bundesstaat keine Rolle mehr. Nicht einmal die Verfassung kann die staatlichen Mörder aufhalten…

Lassen wir nun Michael Lambrix selbst zu Wort kommen. Er veröffentlichte seine Gedanken zu seiner bevorstehenden Hinrichtung für die Welt.
(Quelle: http://minutesbeforesix.blogspot.de/2017/10/date-with-death-contemplating-my-last.html)

Übersetzung ins Deutsche: Peter K.

Michael Lambrix:
Was wäre, wenn jemand ihnen sagen würde, dass sie nur noch zwei Tage zu leben hätten und sie ihre restlichen Tage allein verbringen müssten, weit entfernt von all denen, die ihnen wichtig waren. Vollkommen alleine, du zählst langsam jeden Moment des Tages, jedes zucken dieser Uhr, welches dich näher an das Datum deines Todes bringt.

Du darfst ein paar wenige „letzte Worte sagen“. Was immer Du auch sagen wirst, es wird das sein, woran sie sich erinnern werden oder vergessen werden, wenn der letzte Atemzug des Lebens verschwendet wird.

Genau dort bin ich heute. Während ich dies schreibe, es ist Freitag, der 15. September 2017 und ich bin in der Zelle 1, die sie offiziell als Q-2101 bezeichnen, sie ist nur ein paar Meter von der Hinrichtungskammer Floridas entfernt. Und genau am frühen Abend gegen 18 Uhr will der Bundesstaat Florida mich wegen eines Verbrechens töten, das ich nicht begangen habe.

Ich habe nach 34 Jahren verstanden, wie dieser Prozess vor sich geht. Ich habe viele andere diesen Weg gehen sehen – da wo ich heute bin. (siehe: “Execution Day- Involuntary Witness to State Sanctioned Murder”). Ich habe drei Versuche des Staates überlebt mir mein Leben zu nehmen, aber mir ist klar, dass es jetzt anders ist. Denn diesmal sind meine Chancen dieses Datum zu überleben deutlich geringer. Ich erwarte nicht diesen Tag zu überleben. Der Gouverneur hat einen harten Wahlkampf für einen hart umkämpften Sitz des US-Senats und da muss er natürlich Stimmen sammeln, indem er so viele wie möglich hinrichten lässt. Für ihn scheint mein ganzes Leben nur die Chance auf ein paar Stimmen mehr zu sein. Er hat bereits mehr Menschen in den Tod geschickt, als jeder andere Gouverneur in der Geschichte Floridas und nachdem er mich getötet hat, wird er zum nächsten Opfer weitergehen.

Der Wärter kam vor kurzem zur „Death Watch“ und fragte mich, warum ich einen Hungerstreik mache. Ich erklärte ihm, dass ich damit gegen das Unrecht protestiere, dass man mich töten will, ohne das alle verfügbaren Beweise, einschließlich DNA-Beweisen, untersucht wurden, die meine Unschuld beweisen. Daraufhin antwortete er, dass er noch nie einen Hungerstreikenden erlebt habe, seitdem er in Gefängnissen arbeitet.

Während wir unsere beiläufige Unterhaltung fortsetzten, als wenn die Stahlstangen zwischen uns beiden, uns nicht trennen würden, ja nicht existierten, schien die Morgensonne hinter dem Aufseher durch ein Fenster, teilte ich ihm meine Beobachtung mit, aus der Perspektive des Gefangenen, das meine drastische Aktion sicher nicht das erwünschte Ergebnis erzielen würde.

Tatsächlich hat ein Gefangener extrem begrenzte Möglichkeiten, gegen das wahrgenommene Unrecht zu protestieren. Ja sogar das geringste Aufkommen eines Wutanfalles des Gefangenen führt zur Eskalation und entsprechenden Maßnahmen gegen ihn.

Die Meisten sind schon kaputt, wenn sie dort ankommen, wo ich heute bin. Diese lange Reise vom Verurteilten bis hin zum Tode ist ein absichtlicher Prozess, der langsam jeden Willen untergräbt, führt dazu, dass du passiv die Hinrichtung über dich ergehen lässt.

Wenn dieser Zeitpunkt kommt, werde ich wie erwartet, in die Exekutionskammer gehen und diejenigen die in dem Raum warten, werden sanft und zwar ohne die geringste Andeutung von Bosheit, mir behilflich sein, wenn ich mich auf die Bahre lege, wo sie nur einen kurzen Moment später, mich mittels der Riemen fesseln werden, Bewegungsunfähig machen, damit ich nicht in der Lage bin mich körperlich zu wehren, damit sie schnell die Nadeln, die mit langen IV-Röhren in jedem meiner Arme an der Innenseite der Ellenbogen verbunden sind, einführen können.

Dann wird der weiße Vorhang, durch den ich von der Zeugengruppe getrennt bin, die in Sicherheit hinter einer Glasscheibe sitzt, aufgerissen. Ich werde diese kleine Gruppe von Leuten, die nicht mehr als 10 Meter von mir entfernt sitzt, nach einem freundlichen Gesicht durchsuchen, aber die meisten der Versammelten werden wohl Menschen sein, die viele Jahre darauf gewartet haben, mich sterben zu sehen.

Dann wird der Henker, hinter einer Trennwand verborgen, mit einer vorbestimmten und fast unmerklichen Geste den ersten Kolben nach unten drücken und eine wahrscheinlich kalte und tödliche Flüssigkeit wird in meine Adern gezwungen.

Es ist ein Ritual und jeder Aspekt dieses Rituals ist bis ins kleinste Detail vorgeplant und jeder spielt dabei seine Rolle. Und ich werde es auch tun.

Aber ich will mich nicht hinlegen und sterben, als wäre ich nicht mehr als eine auszurottende bessere Kakerlake.

Deshalb mache ich einen Hungerstreik. Dabei erwarte ich nichts zu gewinnen, als gegen diese absichtliche Ungerechtigkeit zu protestieren und das ist mein einziges Ziel. Dies ist meine Art zu sagen, dass ich akzeptiere, machtlos zu sein, dass ich das Ergebnis nicht ändern kann, dass diese kalte Maschinerie des Todes ihr Getriebe schleift.

Aber jetzt sitze ich in dieser einsamen Zelle. Zwanzig Tage bis zu meinem Tod scheint nicht so lang zu sein und dennoch habe ich das Empfinden, dass es viel zu viel Zeit ist. Ich versuche die Erinnungen an das Leben, dass ich vor so langer Zeit erlebt habe, aufzugreifen, um meinem bald bevorstehenden Tod zu entkommen.

Aber so sehr ich es auch versuche, es scheint wie die unsichtbare Kraft eines schwarzen Lochs, welches allmählich das Universum um sich herum verbraucht, so werde ich immer wieder hineingezogen und zurückgedrängt, zu den Gedanken, was mein  letzter Moment des Lebens sein wird – und was meine letzten Worte sein werden.

Ein Teil von mir möchte alles was ich weiß und kann in eine knappe Aussage bringen, damit man sich an mich erinnert. Aber egal was ich versuchen werde zu sagen, ich stelle mir vor, dass es in Vergessenheit geraten wird. Niemand wird kommen um zu hören, was ich zu sagen habe, sie alle werden nur kommen um mich sterben zu sehen.

Ich denke viel über die Familie der jungen Frau nach. Sie haben ihre Tochter verloren und glaubten all diese Jahre, dass ich sie getötet habe. Ihr Bedürfnis nach Gerechtigkeit kann nur mit meinem Tod befriedigt werden. Das hat ihnen Kraft gegeben, ihren Verlust zu bewältigen. Aber ich habe ihre Tochter nicht getötet.

Ich habe für sie gebetet, dass sie vielleicht die Kraft finden werden zu vergeben – nicht weil der Mörder ihrer Tochter der Vergebung würdig wäre, nein, sondern weil es so ein Krebs ist, der ihre Seele zerfressen wird.

Vielleicht wird mein Tod ihnen Frieden bringen und sollte dies der Fall sein, dann kann ich gehen, denn dann weiß ich, dass es in all dem einen Zweck gibt.

Vor Jahren habe ich versucht ihnen zu helfen, ja ihnen die Umstände zu erklären, die sich in der Nacht ereigneten und wie sehr ich wünschte, ich könnte ihnen ihren Schmerz nehmen. Ihre Antwort war – Sie kontaktierten das Gefängnis – sie fanden es beleidigend, dass ich ihnen geschrieben hatte und sie forderten, dass das Gefängnis mich dafür bestraft.

Aber die ganzen Jahre habe ich sie in meine Gebete eingebunden und ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und alles ändern. Ich habe das sehr viel getan, um der Realität des Ortes zu entkommen, mich dem Punkt annähernd, von dem alles ausging.

Vielleicht sollte ich in meinen letzten Worten um Vergebung bitten, obwohl ich ihre Tochter nicht getötet habe. Es mag sein, dass sie genau das brauchen. Aber vielleicht hat ihr Durst nach Rache sie auch so sehr eingenommen, dass sie unter keinen Umständen vergeben können und alles, was ich ihnen zu jener Zeit versuche zu sagen, sie nur noch mehr leiden lassen würde. Ich will keinen Schmerz mehr in ihr Leben bringen. Ich wünschte, ich könnte ihnen alle Schmerzen nehmen. Mein Tod wird das nicht erreichen. Nur sie können sich davon befreien.

Und dann ist da meine Familie. Sie haben nichts verbrochen, aber sie haben genauso viel gelitten. Sie werden hilflos zusehen müssen, wie ihr Sohn, ihr Vater, ihr Bruder und ihr bester Freund, getötet wird, wegen eines Verbrechen, von dem sie wissen, das ich unschuldig bin.

All diejenigen in meinem Leben, die im Laufe der Jahre für mich da waren, waren der „Wind unter meinen Flügeln„, haben mir Hoffnung und Kraft gegeben. Ich war so unglaublich gesegnet durch sie, die so viel geopfert haben, um ein Teil meines Lebens zu sein. Ich weiß, dass das nicht einfach war. Bei jedem Rückschlag haben sie mit mir gelitten und spürten den Schmerz der Ungerechtigkeit wenn wieder eine Berufung verweigert wurde.

Die meisten Familien verblassen schnell und vergessen dich, sobald du das Leben eines Todeskandidaten erlebst. Es gab im Laufe der Jahre Zeiten, da hat dies auch meine Familie getan. Aber es hat uns immer wieder zusammengezogen und wir sind jetzt stärker als zuvor. Den Todesprozess zu durchlaufen und unseren letzten Besuch zu ertragen, wird ihnen so viel Schmerz bereiten.

Vielleicht sollten meine letzen Worte sein, ihnen zu sagen, wie viel es mir bedeutet, dass sie Teil meines Lebens sind.

Was könnte ich sagen? Welche kurzen Worte könnten das vermitteln, was ich in meinem Herzen fühle? Bei jedem Besuch umarme ich sie, als würde ich sie niemals gehen lassen. Als wenn ich gewusst hätte, dass dieser Tag kommen wird.

Ich kann sie nicht mehr umarmen. Nachdem mein Hinrichtungsdatum festgelegt wurde, wurden meine Besuche sofort beendet und auf den Kontakt ohne direkten Kontakt beschränkt. Sie kommen immer öfter und fahren auch nach dem Hurrikan Irma viele Stunden, um ein paar Stunden der Gemeinschaft mit mir zu verbringen. Wir reden miteinander und ich versuche sie zum Lachen zu bringen, aber ich kann in den Augen meiner Mutter und meiner Schwester sehen, wie schwer dies für sie ist.

Es gibt stille Momente, wenn ich sehe, wie sich Tränen in ihren Augen bilden und ich suche schnell etwas um sie davon abzulenken, was kommen wird. 

Sie sorgen sich um meine Gesundheit, weil sie Angst haben, dass der Hungerstreik mich noch mehr leiden lässt. Wie beim Wärter erkläre ich geduldig, warum ich glaube, dass ich das tun muss. Aber egal was ich sage, es ist kein Trost für sie. Sie bitten mich zu essen. Sie dürfen in der Gefängniskantine Sandwiches und Snacks kaufen, die der Wachmann mir dann bringt. Aber ich weigere mich und dann weigern sie sich ebenfalls zu essen.

Ich erkläre ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Die Krankenschwester überprüft jeden Tag meine Gesundheit, mein Gewicht und meinen Blutdruck. Bis heute habe ich gerade mal 17 Pfund verloren, und um die Wahrheit zu sagen, ich musste eh ein wenig abnehmen.

Wenn ich wieder in meine Zelle zurückkehre, starte ich meinen MP3-Player und rufe dann den Besuch in mein Gedächtnis, als wenn er niemals enden würde. Aber mein Moment der Meditation wird gestört, als jemand auf dem Boden über mir nach seiner festen Stahltür tritt.

So stehe ich wieder auf und schaue auf den Stapel alter Karten und Briefe, die ich an der Wand meiner Zelle gestapelt habe. Und so wie die Tage vergehen reiße ich manche auf und werfe sie weg. Einige habe ich seit vielen Jahren, manche nicht so lange. Aber jeder war in dem sehr begrenzten Raum, den ich aus wichtigem Grund für die Lagerung von persönlichen Dingen eingeräumt bekam. Und jetzt zerstöre ich die Dinge, die ich am meisten geschätzt habe.

Ich muss das tun, bevor ich auf „Phase II“ gesetzt werde und mein gesamtes Eigentum aus meiner Zelle entfernt wird. Damit ich den Staat nicht um seinen geplanten Mord betrügen kann, indem ich mir das Leben nehme. Ich kann immer noch nicht so viel zerstören. Und der Stapel dessen, was mir zu viel bedeutet, um es wegzuwerfen, wächst schnell. Ich habe nichts erreicht.

Mit den Bildern ist es viel schwieriger. In meiner Welt sind es die Fotos von den lächelnden Gesichtern derer, die du liebst, die dich am Leben halten. Und Fotos der Vergangenheit, der Familie und meiner Kinder und meiner Enkel.

Einzeln gehe ich sie durch und erinnere mich an jeden, als hätte ich ihn gestern soeben empfangen und am Ende habe ich nur sehr wenige weggeworfen. Vor einigen Jahren habe ich alle meine Bilder verloren und das wenige das ich noch habe ist ein Teil von mir und ich kann es nicht ertragen meine Erinnerungen wegzuwerfen. Viele stammen von Besuchen die ich hatte und jedes dieser Fotos ermöglicht es mir an diesen besonderen Tag zu denken.

Versuchen sie sich vorzustellen, ich könnte an andere Dinge denken – mich jedoch der Gedanke zurückzieht – zu meinen letzten Worten. Es verzehrt mich. Was soll ich sagen?

Ich denke an meinen langjährigen spirituellen Berater, einen Mann, der seine erfolgreiche juristische Karriere aufgab um katholischer Laienpriester zu werden, der seine Arbeit dem Gefängnisdienst im Todestrakt gewidmet hat. Dale Recinella hat mich mehr besucht, als ich zählen kann und ist auch meine Familie.

Bevor er mich kannte, war er für viele andere da. Hörte sich geduldig ihre Worte an und bot eine Inspiration und spirituellen Trost an. Wenn mein Tag kommt, wird er hier sein. Im Gegensatz zu Spielfilmen darf er nicht mit mir in die Hinrichtungskammer gehen. Aber er wird die Zeit vor der Exekution mit mir teilen und sie werden ihm erlauben sich den Zeugen anzuschließen, um meine Hinrichtung zu verfolgen.

Er hat viele Hinrichtungen von denen erlebt, die er kannte und denen er geistlichen Trost gegeben hat – nicht nur uns, sondern auch unseren Familien. (Dale Recinella hat viele Bücher geschrieben die sich auf seine Arbeit im Todestrakt beziehen. Zu finden auf:  www.Iwasinprison.org)

Auch wenn ich lange von dem enttäuscht war, was aus dem zeitgenössischen Christentum geworden ist und denen, die von sich behaupten Christ zu sein, habe ich nie an meinem spirituellen Glauben gezweifelt. Ich finde Stärke darin.

Wenn also der letzte Moment auf mich zukommt und ich die Möglichkeit habe, das auszudrücken, was meine letzen Worte sein können, die ich jemals in diesem Leben sagen werde, werde ich vielleicht das Vaterunser sagen. Nichts, was ich finden könnte, könnte bedeutsamer sein, als das.

Ich sitze still am Rand meiner Koje und schaue aus dem Fenster auf der anderen Seite der Zellengitter. Nicht mehr als zehn Fuß von mir entfernt beginnt das grüne Gras des Rasens, der sich fern des Fensters bis zur Umzäunung erstreckt. Vor einigen Tagen kam ein Rasenmäher dem Fenster so nahe, dass ich deutlich seine Auspuffgase riechen konnte.

Ich kann das Gras riechen. Und wenige Meter entfernt in einer anderen Richtung wartet die Hinrichtungskammer geduldig auf mich. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor auf dem Gras zu liegen – vorzugsweise Nachts, damit ich den Himmel über mir sehen und die Sterne zählen kann. 

Vielleicht werde ich nicht sterben. Das ist das Ding – hier unten zu sein und dem Tod gegenüberzustehen.  Auch dieser Tag geht vorbei und stellen sie sich vor, es wären ihre letzten Tage, ihre letzten Stunden und ihre letzten Minuten. Es wird real. Egal wie viel sie versuchen an etwas anderes zu denken, sie können diesem hartnäckigen Gedanken nicht entkommen – das dies nicht gut enden wird.

Ich war jetzt zwei Wochen lang auf „Death Watch“ und habe weniger als drei Wochen Zeit um zu gehen. Bis jetzt konnten meine Anwälte nichts erreichen, meine Hinrichtung nicht stoppen. Hurrikan Irma (wie sie jetzt sagen, der schlimmste Hurrikan in der Geschichte Floridas) hat alles geschlossen im ganzen Staat – auch die Büros meiner Verteidiger und die Gerichte.

Endlich konnte ich mit ihnen sprechen, aber sie können mich bis nächste Woche nicht besuchen. Dann werden wir noch zwei Wochen haben. Die Uhr tickt weiter. Diese Zeit ist für immer verloren.

Ich hatte bereits zahlreiche Berufungen anhängig. Die beiden vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten könnten sogar zu meiner Entlastung und Freilassung führen, wenn nur diese Überprüfung vom Gericht erlaubt werden würde. Aber das ist nur eine vage Hoffnung. Weiß ich nur all zu gut, dass der Oberste Gerichtshof nur eine Handvoll Fälle von den vielen Tausenden anschaut, die jedes Jahr eingereicht werden.

Meine Anwälte glauben weiterhin, dass am Erfolgversprechensten die illegal ausgesprochenen Todesurteile sind. Die Jury stimmte nicht einstimmig für mein Todesurteil. Jedoch entschied das Oberste Gericht von Florida, dass nur diejenigen, die nach Juni 2002 rechtskräftig verurteilt wurden eine Neuverhandlung bekommen und dass diejenigen, wie ich selbst (und auch rund 200 andere), welche vor Juni 2002 verurteilt wurden, dennoch hingerichtet werden sollen.

Wenn der Oberste Gerichtshof meinen Anwälten zustimmt, dass dies Verfassungswidrig ist und meine Todesstrafe überprüft werden muss, würde meine Strafe auf Lebenslänglich reduziert werden und könnte zur Bewährung ausgesetzt werden.

Ich kämpfe darum, diese Hoffnung am Leben zu erhalten. Ich habe kein Vertrauen darin, dass das Gericht das richtige tut.

Vielleicht ist es genau das, was ich ihnen sagen sollte. Denn sie töten mich absichtlich für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe. Ich sollte ihnen sagen, dass sie einen Mord begehen und Sokrates zitieren: „Wer von uns wird das schlimmste Schicksal erleben – ihr oder ich?“ Und dann nehme ich meinen letzten Atemzug.

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Michael Lambrix

In seinen letzten Worten direkt vor seiner Exekution betete Michael Lambrix das Vaterunser und endete mit den Zeilen „…und erlöse uns von dem Bösen…

Kurz nachdem er seinen letzten Satz gesagt hatte, nahm das Böse seinen Lauf. Die tödlichen Drogen schossen in seine Venen. Lambrixs Brust hob sich und seine Lippen flatterten. Dies dauerte ca. fünf Minuten bis seine Lippen und Augenlieder silber-blau anliefen und er regungslos da lag. Dann erklärte ein Arzt ihn für tot.

IHfL
Peter K.

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